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16.01.2023

Was macht einen Social Entrepreneur aus?

Die Zahl der Sozialunternehmen oder Social Enterprises in Deutschland wächst beständig und das, obwohl der Weg für junge Gründer oft steiniger ist als für andere Startups. Umso stärker ist ihre Motivation, mit einer Idee, Fleiß und viel Arbeit Gutes zu tun – nicht primär für sich selbst, sondern für uns alle. Der Verein SEND e.V. unterstützt und begleitet Sozialunternehmen mit wertvollem Knowhow und indem er vielversprechende Partnerschaften in die Wege leitet.

Quelle: Shuterstock

Sie möchten nur noch kurz die Welt retten

Flüchtlingskrisen, Klimawandel, Naturkatastrophen, Umweltverschmutzung, Epidemien, Hungersnöte, Diskriminierung, Artensterben, Kinder- und Altersarmut, Bildungsnotstand – die Schreckensliste ließe sich noch um etliche Punkte verlängern. Dass es sich dabei nicht um das Setup einer dystopischen Filmproduktion handelt, sondern um den realen Ist-Zustand unserer Welt, lässt die Aufzählung umso bedrückender wirken. Doch statt angesichts dieser ausweglosen Situation zu resignieren, machen sich immer mehr Menschen daran, die Welt zu retten – nicht gleich die ganze, aber einen kleinen Teil davon. Je mehr es werden, umso hoffnungsvoller können wir in die Zukunft blicken. Über 100.000 Sozialunternehmen und mehr als 154.000 Social Entrepreneurs gibt es bereits in Deutschland und es werden mehr. Sie alle versuchen, auf unternehmerische Weise einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen und die drängenden Probleme unserer Zeit mit innovativen Ansätzen zu lösen. Das wirtschaftliche Ziel, also maximales Wachstum, wird dem sozialen Zweck untergeordnet, ohne dabei das unternehmerische Denken zu vernachlässigen. Die ambitionierten Unternehmer streben hingegen nach einem möglichst hohen Social Impact, also einer positiven Wirkung ihrer Produkte und Dienstleistungen auf die Gesellschaft.

„Normale“ Unternehmen sind den Problemen der Zeit nicht gewachsen

SEND ist das größte Social Entrepreneurship Netzwerk in Deutschland und in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Aktuell zählt der Verein insgesamt 800 Mitglieder, 450 davon Sozialunternehmen. „Allein im vergangenen Jahr konnten wir 50 neue Social Enterprises als Mitglieder aufnehmen“, berichtet Flavia Perissinotto, Project Managerin für Social Entrepreneurship bei SEND e.V. Auf die Frage nach den Beweggründen, ein soziales Unternehmen zu gründen, antwortet sie: „Die intrinsische Motivation ist meist sehr stark. Den Unternehmer:innen geht es primär darum, etwas zu bewegen und zu verändern – eine gesellschaftliche Herausforderung zu lösen und die Transformation in der Wirtschaft anzustoßen.“ Das belegt auch der aktuelle Deutsche Social Entrepreneurship Monitor (DSEM), eine Studie, für die SEND e.V. bereits zum vierten Mal detaillierte Daten von 360 befragte Unternehmen zusammengetragen hat. Demnach wollen immer mehr junge Menschen sinnerfüllt arbeiten. In einem Sozialunternehmen lässt sich das unmittelbar realisieren. Aber auch auf Verbraucherseite steigt der Wunsch, Produkte zu kaufen, die ethischen, sozialen und ökologischen Ansprüchen genügen. Zugleich wächst insgesamt der Druck, soziale und Umweltprobleme professionell und mit unternehmerischen Mitteln zu lösen. Gewinn- und wachstumsorientierte Unternehmen bieten dafür oft nicht die passenden Strukturen.

Es ist nicht immer leicht, Gutes zu tun

„Obwohl überall von ‚Umdenken‘ gesprochen wird und Politik sowie Presse die wachsenden globalen Herausforderungen stärker thematisieren, haben es Sozialunternehmen bei uns immer noch sehr schwer“, weiß Flavia Perissinotto. „Die langfristige Finanzierung ist dabei eines der größten Probleme. Business Angels und Venture Capitalists gibt es in dem Bereich kaum. Soziales Unternehmertum besitzt in Deutschland noch immer keine eigene Rechtsform und von den Banken werden die jungen Firmen als ein zu hohes Risiko gesehen, um finanziert zu werden.“ Nicht zuletzt, weil die erwirtschafteten Gewinne primär in den sozialen Unternehmenszweck und nicht in eine schnellere Schuldentilgung fließen. Knapp 56 Prozent finanzieren ihr Vorhaben daher aus eigenen Ersparnissen. Von der Politik wünschen sich die Protagonisten Bürokratieabbau bei öffentlichen Förderprogrammen und besseren Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten. Einhergehend mit finanziellen Problemen sorgen sich viele Sozialunternehmer:innen um Defizite in ihren kaufmännischen Kenntnissen. Sind sie doch in erster Linie angetreten, um Gutes zu tun. Und obwohl eine sinnstiftende Tätigkeit nachweislich die eigene Leistungsfähigkeit und Motivation steigert, übernehmen sich manche junge Gründer:innen mit ihrer Aufgabe. Zum einen aufgrund fehlender kaufmännischer Erfahrung, zum anderen weil sie sich schlecht dabei fühlen, ab und an das eigene Wohl in den Vordergrund zu stellen. Nicht selten ist Burn-Out die Folge.

Was macht einen Social Entrepreneur aus?

Dennoch nehmen immer mehr Menschen die unternehmerischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die die Gründung eines Social Enterprise mit sich bringt, an. Warum? „Ich glaube, es ist das starke Bedürfnis, etwas verändern zu wollen oder gar zu müssen, das vor allem junge Menschen verspüren. Sie haben den gesellschaftlichen Wertewandel bereits verinnerlicht, der bei älteren Generationen nur langsam durchsickert“, sagt die SEND Projektmanagerin. „Diese jungen Menschen sehen ein Problem in der Welt oder sind selber davon betroffen und wollen die Ärmel hochkrempeln und es angehen. Viele von ihnen werden im Studium oder in der Ausbildung von der Idee eines Sozialunternehmens inspiriert und sehen ihre Zukunft dort.“ Dieser Entwicklung folgend bieten mittlerweile auch die ersten Universitäten in Deutschland Studiengänge für Social Entrepreneurship an, wie etwa die Universität Bayreuth, die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde oder die Hochschule Neu-Ulm. Doch nicht nur die junge Generation ist vom Sozialunternehmertum überzeugt: Eine KfW-Studie zum Thema „Social Entrepreneurs in Deutschland“ zeigt, dass jede:r vierte Sozialunternehmer:in über 50 Jahre alt ist. Auch bei ihnen stehe laut Flavia Perissinotto die Sinnfrage im Vordergrund. „Nach vielen Arbeitsjahren in der konventionellen Wirtschaft möchten sie ihre Erfahrungen und ihr Knowhow noch einmal voll und ganz einer guten, sinnvollen Aufgabe widmen.“

Mehr weibliche Führungskräfte, mehr Teamplayer

Die besagte KfW-Studie stellt noch weitere Charakteristika von Sozialunternehmer:innen fest, die sie von normalen Gründer:innen abhebt. So ist der Frauenanteil unter den Social Entrepreneurs mit 53 Prozent deutlich höher als bei anderen Jungunternehmern. Laut aktuellem DSEM sind mehr als drei Viertel der Gründerteams weiblich oder mindestens geschlechtergemischt. Mehr als jedes fünfte Social-Enterprise wurde ausschließlich von Gründerinnen aufgebaut. Auch sind Sozialunternehmer:innen weniger arbeitsmarktgetrieben und einkommensorientiert. Nur 17 Prozent wählten laut KfW-Studie die Selbstständigkeit, weil ihnen eine bessere Erwerbsalternative fehlte. Dem Großteil gehe es hingegen um die Umsetzung einer sozialen Geschäftsidee und um Selbstverwirklichung. Sozialunternehmer:innen sind zudem häufiger Teamplayer, arbeiten zusammen mit anderen Social Entrepreneurs oder beschäftigen Mitarbeiter. Und sie sind deutlich regionaler aufgestellt als normale Startups: Fast ein Drittel der DSEM-Social-Enterprises wirkt in der direkten Nachbarschaft, knapp 40 Prozent in einer Stadt oder einer Kommune. Dabei sind sie laut Flavia Perissinotto vor allem im Food-Bereich, bei Konsumgütern und im Sektor Bildung Sozialunternehmen erfolgreich tätig.

Aus der Nische in den Mainstream und in die Lieferketten der Big Player

Großes Potenzial sieht die SEND Managerin aber noch in einem anderen Bereich. „Als Verein unterstützen wir Social Enterprises dabei, in den Lieferketten konventioneller Unternehmen Fuß zu fassen. Dafür hat SEND gemeinsam mit SAP die ‚Buy Social Challenge‘ ins Leben gerufen.“ Die Idee dahinter: Der Verein vernetzt klassische Unternehmen mit Social Enterprises und fördert zielgerichtete B2B-Partnerschaften, damit herkömmliche Lieferketten mehr und mehr mit Sozialunternehmen besetzt werden. „Wenn ein Unternehmen Produkte und Dienstleistungen ohnehin einkaufen muss, wieso dann nicht von Social Enterprises?“ Die Teilnehmer der Challenge macht SEND fit für das B2B-Geschäft – mit Mentoring-Programmen, Pitch Events, Coachings und Schulungen. „In diesem Jahr haben wir uns auf das Capacity Building bei den Sozialunternehmen konzentriert. Ab nächstem Jahr wollen wir aktiv mit Einkäufer:innen konventioneller Unternehmen arbeiten. Wir erstellen Lieferkettendiagnosen und Matchings mit passenden Sozialunternehmen, um so erfolgreiche Partnerschaften auf den Weg zu bringen. Letztendlich steigern wir so auch die Bekanntheit der Social Enterprises und das ist wichtig auf dem Weg aus der Nische in den Mainstream.“

Quellen:

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von www.send-ev.de zu laden.

Inhalt laden

https://www.send-ev.de/wp-content/uploads/2022/04/4_DSEM_web.pdf
https://www.deutschlandfunkkultur.de/social-entrepreneurs-soziale-wirkung-als-geschaeftsmodell-100.html
https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Fokus-Volkswirtschaft/Fokus-2019/Fokus-Nr.-238-Januar-2019-Sozialunternehmer.pdf
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